Während es in vielen anderen Konfessionen Landeskirchen gibt, die zum Teil
ziemlich unterschiedlich sind oder sich einfach immer mehr Freikirchen bilden,
die selbst bestimmen, ob diese eine Gemeinschaft liberal oder konservativ sein
will, gibt es in der römisch-katholischen Kirche alles. Und wie schon oben beschrieben, werden
Gläubige in liberal und konservativ eingeteilt.
Heißt
das nun automatisch, dass die Leute, die als konservativ wahrgenommen werden
eng sind? Und diejenigen, die als liberal eingestuft sind eine weite Sicht
haben?
Eng
und weit, diese Begriffe habe ich von einem befreundeten Priester übernommen,
der mal meinte, er teile die Menschen eben lieber in eng und weit, statt in
konservativ und liberal ein. – Ich machte mir damals Gedanken um den Unterschied
und muss ihm Recht geben
Ich
denke, jeder weiß, wo er selbst steht, welche kirchenpolitischen Gruppen er/sie
unterstützt. Da gibt es Maria 1.0 und Maria 2.0. Oder es gibt „Wir sind Kirche
und das Forum deutscher Katholiken. Immer eine von beiden konservativ, eine von
beiden liberal, wie man sagen würden.
Wenn
ich jetzt jemand bin, der zum Beispiel Maria 1.0 gut findet, bin ich dann
deshalb jemand, der eng ist? Interessanterweise gibt es Gläubige, die es so
sehen. Doch da fehlt noch etwas: Es
kommt immer darauf an, ob ich den anderen dann grundsätzlich ablehne, wegen
seiner kirchenpolitischen Ansichten nichts mehr mit der Person zu tun haben
möchte und auch nicht bereit bin, gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Wer so
denkt, der denkt tatsächlich eng. Und da ist es egal, ob die Person liberal
oder konservativ ist.
Zwei
Beispiele möchte ich dazu nennen: Vor
einiger Zeit bewarb sich jemand aus dem Verwandtenkreis um ein Ehrenamt in der Pfarrgemeinde.
Er stellte sich im Pfarrbrief vor, machte darauf aufmerksam, wie wichtig es für
ihn sei, liberal zu sein. Und dann meinte er, dass er in der Stadt, in der er
vorher gelebt habe, auch die konservative Seite kennengelernt habe und dies ablehne.
– Das ist eine Haltung, die von Enge geprägt ist.
Das
zweite Beispiel betrifft den Erzbischof des Bistums, in dem ich wohne. Vor ein
paar Tagen konnte ich in einer großen Tageszeitung ein Interview mit ihm lesen.
Er selbst sprach davon, dass er konservativ sei. Und trotzdem gab er einer Person
vor einiger Zeit die Missio canonica, die bei uns eine Oberministrantin war,
inzwischen als Transperson, als Mann lebt. Hier hat der Bischof eine Weite gezeigt.
Wir sollten also viel weiter denken, als nur
auf die kirchenpolitische Seite.
Übrigens
hat es die verschiedenen Richtungen schon seit Beginn des Christentums gegeben,
in der Bibel ist dazu immer wieder zu lesen.
Wir
sollten uns also fragen, warum wir vielleicht Gläubige ablehnen, die doch
eigentlich das gleiche Fundament haben.
Es ist mir auch schon passiert, dass Christen mir die Freundschaft
kündigten, weil ich eine andere Einstellung habe. Das ist traurig und sollte
nicht so sein.
